phönikische Buchstabenschrift: Mutter des Alphabets


phönikische Buchstabenschrift: Mutter des Alphabets
phönikische Buchstabenschrift: Mutter des Alphabets
 
Eine der großen kulturellen Errungenschaften, die aus dem Alten Orient nach Europa gelangten, war die phönikische Schrift. Phönikien war ein Teil Syriens und Palästinas. Die Griechen, die mit diesem Wort den einheimischen Namen »Kanaan« (»Land des roten Purpurs«) übersetzten, benannten so vor allem die Küstenstädte Tyros, Sidon, Byblos und Arados, die durch ihren Seehandel mit dem gesamten Mittelmeerraum in Verbindung standen. Die Region Syrien, die zwischen den Großmächten des Alten Orients - Ägypten, Babylonien, Assyrien und Kleinasien - lag und durch die wichtige Handelsrouten führten, war eine kulturelle und wirtschaftliche Landbrücke.
 
Die Bewohner Syriens übernahmen bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. fremde Schriftsysteme: im nördlichen Landesteil die Keilschrift, im südlichen Teil Palästina-Syriens die ägyptische Hieroglyphenschrift. Allerdings überwog im 2. Jahrtausend die Keilschrift, da sie sich offenbar leichter als die Hieroglyphen an die verschiedenen Sprachen und Dialekte des syrischen Raumes anpassen ließ. Selbst mit dem Pharao führten deshalb die syrischen Fürsten dieser Zeit ihre Korrespondenz in akkadischer - also babylonisch-assyrischer - Sprache und in Keilschrift. Es gab aber sicherlich Schreiber, die beide Schriftsysteme beherrschten. Solche gelehrten Schreiber waren es dann wohl auch, die um die Mitte des 2. Jahrtausends begannen, sich ein eigenes Schriftsystem zu schaffen. Nach tastenden Versuchen, die uns in kurzen, bisher noch nicht entzifferten Inschriften überliefert sind, fand man einen eigenen Weg. In Byblos wurden bislang noch unentzifferte Inschriften entdeckt, die wahrscheinlich in einer einfachen Silbenschrift niedergelegt sind. Fast gleichzeitig wurden aber auf der stark von Ägypten beeinflussten Sinaihalbinsel kurze Inschriften auf Steinen angebracht, deren Zeichen schon große Ähnlichkeit mit den späteren Buchstaben haben: Die Form des Buchstabens, des Lauts, entspricht etwa dem Bildzeichen eines Gegenstands oder Lebewesens, dessen Bezeichnung mit diesem Laut beginnt. So wird beispielsweise der Laut »m« als Wellenlinie geschrieben, weil das Wort »mu« (Wasser) mit diesem Konsonanten beginnt; das Zeichen für »b« hat die Form eines Hausgrundrisses, weil es von »bait« (Haus) her genommen ist (»akrophonisches« Prinzip). Daneben verwendeten die Schreiber - wohl um sich diese leichter merken zu können - Wörter, die sich in Reimgruppen zusammenfügen ließen, als Zeichenspender (»mnemotechnisches« Prinzip). Die äußere Form der Zeichen scheint dabei gelegentlich an Hieroglyphenzeichen orientiert gewesen zu sein.
 
Die Frühformen der Schrift variieren in den Zeichenformen noch relativ stark. Das liegt sicher daran, dass noch keine einheitliche Schultradition bestand. Prinzipiell wurden aber lediglich die Konsonanten der Wörter geschrieben. Da offensichtlich die in den phönikischen Städten gesprochene Sprache lediglich 24 Konsonanten unterschied, wurden auch nur 24 Schriftzeichen gebraucht. Die zunächst nicht festgelegte Schriftrichtung entwickelte sich relativ früh zu einem Verlauf von rechts nach links. Spätestens im 13. Jahrhundert v. Chr. war diese Schrift so weit verbreitet, dass man in Ugarit das System der Buchstabenschrift übernahm, allerdings in der äußeren Form einer Keilschrift. Einige Zeichen, die für die Niederschrift der (sich vom Kanaanäischen der phönikischen Städte unterscheidenden) ugaritischen Sprache erforderlich waren, wurden noch hinzuerfunden. Allerdings blieb diese keilschriftliche Buchstabenschrift im Wesentlichen auf die Stadt Ugarit beschränkt.
 
Syrien-Palästina geriet kurz nach dem 12. Jahrhundert v. Chr. in einen politischen und kulturellen Umbruch, der aber die Verbreitung der Konsonantenschrift nicht behinderte. Vielmehr sind wenig später an den verschiedensten Orten - noch recht ungelenke - Inschriften verfasst worden. Bald aber entwickelte sich eine auch formal klarer ausgeprägte Schrift, von der wir Kenntnis vor allem durch einzelne offizielle Inschriften aus mehreren Jahrhunderten haben, die in Byblos gefunden wurden. Musste man bei der Keilschrift noch einzelne Silben oder Wörter aus mehreren Keilen zusammensetzen, Wortkategorien durch Deutezeichen angeben, möglicherweise auch Endungen andeuten, so entfiel dies bei dieser neu eingeführten Schrift. Schon ihre ältesten Inschriften schreiben Worttrenner, sie setzen Punkte nach jedem Wort. Dadurch war genügend Klarheit geschaffen, um einen Text mit relativ wenigen Zeichen eindeutig zu schreiben. Auch die Wiedergabe von Eigennamen war jetzt kein Problem mehr.
 
Vergleicht man die Schriftzeichen, die in den phönikischen Städten im 10./9. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch waren, mit den frühesten griechischen etwa aus Athen oder Korinth, so fällt die Verwandtschaft sofort ins Auge. Schon rein äußerlich ähneln sich die Zeichen stark. Auffallend ist ferner, dass auch die Reihenfolge der Buchstaben, wie sie uns durch ABC-Texte bekannt ist, offensichtlich in beiden Kulturen nahezu identisch war. Die Griechen taten dann einen entscheidenden Schritt, indem sie die für sie überflüssigen Zeichen der phönikischen Schrift als Vokalzeichen verwendeten und für ihre eigenen, dem Phönikischen fremden Konsonanten Zusatzzeichen schufen, die sie dem Alphabet anhängten. Alles spricht dafür, dass die Übernahme des phönikischen Alphabets durch die Griechen im ausgehenden 9. Jahrhundert v. Chr. geschah. Ferner legt die große Einheitlichkeit der frühen griechischen Schrift nahe, dass sie an einem einzigen Ort entwickelt wurde und von dort aus weitere Verbreitung fand. Wir können also mit Fug und Recht behaupten, dass die phönikische Buchstabenschrift die Mutter aller griechischen und auch lateinischen Alphabete ist.
 
Inschriftenfunde der letzten Jahrzehnte machen es darüber hinaus wahrscheinlich, dass auch die Konsonantenzeichen, die in Südarabien für das Sabäische, das Minäische und das Hatramautische verwendet wurden, letztlich auf phönikische Schriftzeichen zurückgehen. Es müssen also frühe Kulturkontakte bestanden haben, über die wir bisher allerdings nur unzureichend informiert sind. Die phönikischen Schriftzeichen wurden rasch auch in den benachbarten Staaten, in Israel und Juda, aber auch in den aramäischen Staaten Nordsyriens übernommen. Die dortige eigene Entwicklung führte schließlich zu Zeichenvarianten, die über einige Zwischenstufen zum syrischen, zum arabischen und auch zum indischen Alphabet führten. Mit Ausnahme der in Ostasien entwickelten gehen also alle anderen Schriftsysteme letztlich auf das phönikische Alphabet zurück.
 
Prof. Dr. Wolfgang Röllig

Universal-Lexikon. 2012.

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